Die Schattenseiten unseres Geldsystems

Eine Fangfrage: Nehmen Sie einen Hunderteuroschein, der Ihnen gehört, und bewahren Sie ihn ein Jahr lang an einem sicheren Ort auf. Laufen in dieser Zeit irgendwo auf der Welt Sollzinsen auf die Hundert Euro?

Diese Frage beantworten die allermeisten Menschen mit: Nein. Und fügen oft etwas hinzu zum Thema Wertverlust durch Inflation.

Die Antwort “Nein” ist falsch.

Dass die Allermeisten die falsche Antwort geben liegt daran, dass kaum jemand die Natur des Geldsystems versteht. Unser derzeitiges “Fiat Geld” ist ein Zinseszins Schuldgeldsystem – das heißt, Geld kommt einzig und allein durch Aufnahme von Schulden überhaupt in den Umlauf. Da Ihr Hunderteuroschein sich im Umlauf befindet, muss irgendjemand dafür Sollzins bezahlen – sonst könnte der Schein sich nicht im Umlauf befinden.

Dass die Allermeisten dies nicht wissen kann man mit einem Fisch im Ozean vergleichen: Der Fisch lebt sein ganzes Leben lang im Wasser und hat daher keinen Anlass, sich über die Natur des Wassers Gedanken zu machen. Aber eines Tages schwimmt er im Ufernähe – da kommt eine große Welle und befördert ihn auf den Sand, wo er plötzlich in der Luft liegt und nach Wasser schnappt… Genauso ist es bei uns Menschen: Wir wachsen mit dem Geldsystem auf, es bestimmt unsere Möglichkeiten für Behausung, Essen, Ausbildung und unternehmerische Tätigkeit. Schon als Kleinkinder lernen wir, dass ein Leckerli 10 Cent kostet – und schon nehmen wir mit, dass man Geld braucht – und zwar möglichst viel davon, um all unsere Wünsche befriedigen zu können – bitte eine Taschengelderhöhung! So sind wir fortan mit dem Beschaffen von Geld beschäftigt und fragen uns gar nicht nach der Natur des Geldsystems – vielleicht erst dann, wenn es uns um die Ohren fliegt, wie ein Zinseszinssystem irgendwann muss.

Zinseszins-Schuldgeld auf den Punkt gebracht

Umverteilung des Reichtums von unten nach oben, bietet passives Einkommen, erfordert Wachstum, wird eher als gewinnorientiertes Unternehmen denn als gewinnfreie öffentliche Dienstleistung wahrgenommen, fördert Spekulationen, privatisiert den Gewinn, sozialisiert aber den Verlust, Gewinnstreben führt zu Unfrieden und sozialer Unruhe, untergräbt die Demokratie (propagiert die Werte und Interessen der Reichen und multinationalen Konzerne in der gesamten Gesellschaft) …

Erläuterung einiger Eigenschaften unsers Fiatgeld-Systems

  • Beim Schuldgeldsystem gilt: Geld kommt nur durch Verschuldung in den Umlauf – sämtliches Zentralbank- und Girogeld ist an Zinsen gebunden. Sprich, das Geld ist nie “einfach da”, sondern verursacht durch seine bloße Existenz Zinsen.
  • Zinseszins ist eine Exponentialrechnung. Am Anfang, nach dem Neuaufsetzen des Systems, funktioniert es noch gut, sogar günstiger als ein lineares Zinssytem ohne Zinseszins. Doch je mehr Geld in den Umlauf kommt, und je länger das System läuft, um so schwerer wiegt das Zinseszins und das System geht in eine steilansteigende Exponentialkurve über. Historisch betrachtet gibt es etwa alle 60 bis 70 Jahre Zyklen der Erneuerung. Dies hat der russische Wissenschaftler Kondratjew erkannt und deren Vorkommen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zugeschrieben. Andere haben festgestellt dass ein Neuaufsetzen des Währungssystems – das so oder so hätte kommen müssen – mehrfach durch Kriege verdeckt war. Seit dem Neuaufsetzen des Weltwährungssystems gegen Ende des zweiten Weltkriegs (1944 Bretton Woods) sind inzwischen 77 Jahre vergangen. In 2008 war es um ein Haar so weit, getriggered vom Zusammnbruch von Lehman Brothers Bank inmitten der Subprime-Krise. Seitdem liegt das Währungssystem auf der Herz-Lungen-Maschine – mit Null- bzw. sogar Negativzins! Nur so kann die Exponentialwirkung ausgebremst werden. Dafür treten dann andere Probleme auf – die Banken können (mit konventionellen Geschäften) nichts verdienen, Sparer werden schleichend durch Inflation enteignet (Inflationsrate höher als Habenzins), Rentenfonds kommen ins Straucheln… Das kann m.E. nicht mehr lange gut gehen.
  • Das Zinseszinssystem enthält eine eingebaute Arm-Reich-Schere. Da Unternehmen immer Zinsen an die sie finanzierenden Banken in den Warenpreisen einberechnen müssen, sammelt sich der Anteil an Zinsen bei längeren Lieferketten auf durchschnittlich etwa 30% – bei Wohnungsmieten auf durchschnittlich 80%. Das wirkt sich so aus: Betrachten wir jemanden der Schuldenfrei ist und 10.000 € auf dem Sparbuch hat, zu 2% Habenzins. Man würde meinen dass diese Person ein Gewinner ist im Zinssystem. Weit gefehlt, wenn man den in Warenpreisen und Wohnungsmiete versteckten Zinsen betrachtet. Fakt ist, dass alle Menschen die nicht ziemlich reich sind zahlen netto Zinsen an die Banken – indirekt eben. Nur Menschen die so reich sind dass sie von ihrem Vermögen prozentual gesehen nur wenig im Alltag ausgeben und den Rest aktiv halten als Aktien, in Fonds, als Venture Capital usw. können ein Nettogewinn beim Thema Zins verbuchen. Dies ist aber keine neue Erkenntnis: Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Matthaeus 25:29
  • Das meiste Geld wird von Geschäftsbanken durch Kreditvergabe geschöpft – und ist kein “richtiges” Geld. Nur Geldscheine und Münzen sind “echtes” Zentralbankgeld. Dies wird – gegen Zinsen, versteht sich – an die Geschäftsbanken geliehen, was sich als nette Einnahme für die Regierung darstellt, soweit diese Einnahme die Kosten der Herstellung, Aufbewahrung und Verteilung des Geldes übersteigt. Den Geschäftsbanken wird erlaubt, in einem (recht großzügigen) Verhältnis zu ihrem Eigenkapital, Giralgeld durch Kreditvergabe zu schöpfen. Giralgeld ist der Name für Geld auf Bankkonten. Wichtig zu verstehen ist, dass Giralgeld kein Geld in dem Sinne ist – sondern eine Art Schuldschein. Es ist das Versprechen der Bank, Ihnen Zentralbankgeld in Höhe Ihres Guthabens auf Verlangen auszuzahlen. Alle weiteren “Bankprodukte” und “Finanzprodukte” sind ebenfalls kein Geld, sondern verschiedene Anpassungen von Versprechen und Verpflichtungen in Bezug auf Geld. Auch wichtig zu verstehen ist, dass die Bank gar keinen Gegenwert für das geschöpfte Giralgeld besitzt – kein Gold, kein Silber, einfach nichts. Daher der Name Fiat Geld – lass es Geld geben. Für dieses Nichts, was die Bank mit ein paar Tastendrücke aus dem Nichts gezaubert hat, verlangen sie aber Zinsen. Und da wir das Spiel nicht durchschauen, zahlen wir sie auch noch. Vielleicht komme ich im nächsten Leben als Banker wieder… Man kann bei Wikipedia mehr über die Geldmenge lesen – die Lektüre wird gleich etwas zäh und geht überhaupt nicht auf die essentiellen Probleme des Konstruktes ein. So ist das Problem eines Bank run im System inhärent: Wenn zu viele Bankkunden ihr Vertrauen in einer bestimmten Bank verlieren, und alle wollen ihr Giralgeldguthaben als Bargeld abheben, so viel Bargeld hat die Bank nicht und kann auch niemals so viel von der Zentralbank erhalten. Die Bank kollabiert.
  • Das für Investitionen zur Verfügung stehende Geld wird in der Regel falsch zugewiesen. Dies liegt daran, dass Banker als Geschäftsleute definiert werden (d.h. ihre Tätigkeit wird als Gewinnstreben definiert) und nicht als Fachleute oder Beamte, die gegen ein festes Entgelt im Dienste der Allgemeinheit arbeiten würden. Da das kommerzielle Bankgeschäft in der Tat eine eher begrenzte Aufgabe ist, bietet der Bereich des Investmentbanking (faktisch Spekulation) mehr Spielraum für Gewinne. Daher wird das Geld oft dort eingesetzt, wo es die meisten Erträge bringt – was wahrscheinlich nicht die lokalen Unternehmen sind, sondern heutzutage überall auf der Welt sein kann.
  • Die Anwendung des Zinseszinses – zusammen mit einer Vielzahl moderner abgeleiteter “Finanzprodukte” – verleiht den nationalen Währungen einen gefühlten Eigenwert, den sie als Tauschmittel nicht haben sollten. Geld gewinnt an Wert (durch den Zins), während die Waren und Dienstleistungen, die es repräsentieren soll, mit der Zeit an Wert verlieren (Fäulnis, Rost, Lagerkosten usw.). Das Geld hat also einen “unfairen Vorteil” gegenüber Waren und Dienstleistungen und entwickelt daher ein Eigenleben, das in Spekulationen und rücksichtslosen Glücksspielen endet, mit Ergebnissen wie der Subprime-Krise und dem bevorstehenden globalen Finanzkollaps.
  • Ein Tauschmittel kann nicht gleichzeitig der Wertaufbewahrung dienen. Wir verwenden das Fiat-Geld einerseits als Zahlungsmittel im täglichen Leben – dazu muss es ja fließen. Andererseits, wenn wir “Geld sparen”, verwenden wir es zur Wertaufbewahrung, und es fließt gar nicht. Dies ist in sich widersprüchlich – denn in der Tauscheigenschaft für verderbliche Waren müsste gehortetes Geld auch an Wert verlieren, damit das Fliessen gefördert wird. Aber als Aufbewahrungsmittel benötigt es einen Wertuwachs (Habenzins) um die Inflation zu übertreffen und tatsächlich an Wert zu gewinnen. Dadurch dass wir am Ende eines Geldzyklus mit Negativzins stehen, haben auch in den letzten Jahren die meisten diese Tatsache empirisch erkannt, ihre Sparbücher aufgelöst und das Geld in Sachwerten investiert – immerhin.

Weiterführende Informationen

Hier die Website von Helmut Creutz, und seine Buch Die 29 Irrtümer rund ums Geld.

Auch sehr zu empfehlen sind die Bücher vom ehemaligen Zentralbanker Bernhard Lietaer.

Auch die 4 Bücher von Thomas H. Greco Jr. sind sehr empfehlenswert.

Es gibt mehr gute Bücher, aber meine Bücher über Geld sind leider umzugsbedingt noch irgendwo eingepackt )-:

Was gibt es für Alternativen?


Dieser Blogbeitrag ist ein Schnellschuß aus dem Gedächtnis, ohne Zugang zu meinen noch eingepackten Bücher zum Thema. Ich wollte in der aktuellen globalen Gesamtsituation unbedingt schnell etwas beitragen. Denn demnächst dürfte es m.E. zu großen Umwerfungen kommen – die die Chance bieten, ein besseres, gerechteres System zu wählen. Doch dafür müssen genügend Menschen sich mit dem Thema befassen, sonst werden wir ein neues System bekommen die dank der Möglichkeit digitaler Überwachung noch schlimmer sein wird als das bisherige System.

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